Der Unterschied zwischen

Hören und Verstehen

Eine Kurzgeschichte von Matthias Berger.

Es war einmal ein König, der war es leid, in seinem Schloss ständig nach verlegten Dingen suchen zu müssen.

Seine goldene Krone lag manchmal auf dem Thron, manchmal neben dem Tisch im Speisesaal und manchmal unter dem Armsessel in der Bibliothek. Doch immer wenn Besuch kam und er seine Krone dringend brauchte, wusste der König nicht, wo er mit dem Suchen anfangen sollte. Das Buch mit allen Gesetzen des Königreichs lag manchmal auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer, manchmal neben dem Bett und manchmal auf dem Bärenfell vor dem Kamin. Doch immer wenn der König unerwartet um sein Urteil in einem Streitfall gefragt wurde, konnte er sich nicht erinnern, wo er zuletzt in dem Buch gelesen hatte.

Wenn der König die Augen schloss, stellte er sich vor, alle Dinge mit nur einem Griff bei der Hand zu haben.

~

Der König ließ einen Schreiner aus dem Dorf auf das Schloss rufen und führte ihn durch die unzähligen Räume und Gemächer, die er mit seiner Familie bewohnte.

Im Thronsaal stand mitten im Raum auf einem Podest der aus purem Gold gefertigte Thron. Durch die hohen Fenster in der Wand bot sich ein wunderschöner Blick über den Schlossgarten hinaus ins Königreich bis zu den Bergketten am weit entfernten Horizont. Doch der Schreiner sah weder den Goldglanz, noch konnte er den Ausblick genießen, weil eine unbeschreibliche Unordnung herrschte. Die königliche Krone hing an einer Lehne des Throns und drohte, bald auf den Boden zu fallen. Eine ungefaltete Wolldecke lag zusammengeknüllt neben dem Podest. Ein purpurroter Mantel war auf halbem Weg zum Thron unachtsam zu Boden fallen gelassen worden. Der Schreiner folgte dem König in den nächsten Raum.

Der Speisesaal wurde von mehreren Kronleuchtern an der Decke in ein warmes Licht getaucht. Ölgemälde an den Wänden zeigten viele Generationen der königlichen Familie und der ganze Raum war mit dicken, weichen Teppichen ausgelegt. Doch der Schreiner nahm weder die Gemälde wahr, noch bemerkte er den Teppich unter seinen Füßen, weil sein Blick sofort auf eine unbeschreibliche Unordnung fiel. Auf der riesigen Speisetafel standen Kerzenständer unterschiedlicher Größe und Farbe nebeneinander, die nicht zueinanderpassten. Auf dem Boden lag ein in Leder gebundenes Gästebuch. Auf manchen Stühlen am Tisch lagen mehrere Kissen aufeinander, um auf anderen Stühlen Platz für mehrere Stapel voller Tischdecken und Servietten zu machen. Der Schreiner folgte dem König in den nächsten Raum.

Der Rundgang endete in einem Turmzimmer. Es war komplett leer, weil es bislang von der königlichen Familie noch nie genutzt wurde.

»Baut mir ein großes, langes Regal in das Turmzimmer«, sagte der König zum Schreiner. »Alle herumliegenden Dinge möchte ich hier aufräumen.«

Der Schreiner nickte und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf.

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Zu Hause erwartete die Frau des Schreiners ihren Mann schon voller Ungeduld. Gleich begann er, alle Einzelheiten vom Besuch auf dem Schloss zu erzählen, um dann in seiner Werkstatt die Bretter und Balken für ein Regal auf die passende Länge zu sägen und glatt zu schleifen.

Schon wenige Tage später hatte der Schreiner zusammen mit seinen Gehilfen das Regal wie vom König gewünscht im Turmzimmer des Schlosses aufgebaut.

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Doch der König ließ den Schreiner nochmals auf das Schloss rufen. Wieder führte ein Rundgang die beiden durch die unzähligen Räume und Gemächer, die der König mit seiner Familie bewohnte.

Die Bibliothek strahlte eine ruhige, besinnliche Atmosphäre aus. Viele Reihen von Büchern und Handschriften standen ordentlich aufgereiht in den Bücherregalen entlang den Wänden. Eine stabile Leiter aus Holz lehnte gegen eines der Regale, um auch die Bücher in den obersten Regalreihen erreichen zu können und in der Mitte der Bibliothek stand ein Lesetisch, um den einige gemütlich aussehenden Armsessel herum gestellt waren. Kein herumliegendes Buch war zu entdecken. Kein Lesezeichen lag unordentlich herum. Der Schreiner folgte dem König in den nächsten Raum.

Das Arbeitszimmer machte einen makellosen Eindruck. Ein gigantischer Schreibtisch aus schwerem, dunklem Eichenholz füllte fast die Hälfte des Raums, dahinter waren auf einer Landkarte an der Wand die Umrisse des Königreichs zu erkennen. In einer Ecke stand die Ritterrüstung, in der vom König schon viele Schlachten siegreich gekämpft wurden und ein Teppich mit dem Wappen der königlichen Familie lag auf dem Boden. Kein loses Blatt Papier war auf dem Schreibtisch zu sehen. Kein vergessenes Buch oder Kissen lag auf dem Boden. Keine überflüssigen Dinge waren im Zimmer verstreut. Der Schreiner folgte dem König in den nächsten Raum.

Im Turmzimmer angekommen, konnte der Schreiner das Regal kaum noch erkennen. Jedes Regalbrett war vollgestellt mit einem Durcheinander aus Werkzeugen, Papieren und Kleidern.

»Alle Dinge liegen im Regal, doch ich kann sie noch immer nicht finden«, erklärte der König dem Schreiner. »Baut mir genügend Holzkisten, die in das Regal passen, um alle Dinge darin sortieren zu können.«

Der Schreiner nickte und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf.

~

Zu Hause erwartete die Frau des Schreiners ihren Mann schon voller Ungeduld. Gleich begann er, alle Einzelheiten vom Besuch auf dem Schloss zu erzählen, um dann in seiner Werkstatt genügend Bretter für die Holzkisten zusammenzusuchen.

Schon wenige Tage später lieferte der Schreiner die vom König bestellten Holzkisten auf dem Schloss ab.

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Doch der König ließ den Schreiner nochmals auf das Schloss rufen. Wieder gingen die beiden durch die unzähligen Räume und Gemächer, die der König mit seiner Familie bewohnte.

Im Turmzimmer angekommen, fand sich der Schreiner vor dem Regal wieder. Alle Dinge, die beim letzten Besuch noch in einem heillosen Durcheinander auf den Regalbrettern lagen, waren jetzt ordentlich in Holzkisten sortiert. Doch noch viele weitere Dinge lagen vor dem Regal auf dem Boden verstreut.

»Alle Dinge sind in den Holzkisten aufgeräumt. Doch es dauert so lange, die richtige Kiste zu finden, etwas hineinzuräumen und dann die Kiste wieder an ihren Platz zu stellen. Also lege ich die Dinge nur vor das Regal, weil mir die Zeit zum Aufräumen fehlt«, erklärte der König dem Schreiner. »Baut mir einen Tisch, auf dem ich die Dinge ablegen kann, bis ein Bediensteter sie aufräumen wird.«

Der Schreiner nickte und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf.

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Zu Hause erwartete die Frau des Schreiners ihren Mann schon voller Ungeduld. Doch statt die Einzelheiten vom Besuch auf dem Schloss zu erzählen, stellte sich der Schreiner wortlos in seine Werkstatt und schaute sich um.

Der Schreiner hatte keine goldene Krone in seiner Werkstatt herumliegen. Doch ihm fiel die Mütze ins Auge, die er sich beim Sägen und Schleifen aufsetzte, um keine Holzspäne in die Haare zu bekommen. Sie lag nicht in einem Regal im Lagerraum, aufgeräumt in einer Holzkiste, sondern hing an der Wand neben den Sägeblättern und Schleifblöcken. Um sich die Mütze aufzusetzen, musste der Schreiner nur neben die Säge greifen. Um die Mütze aufzuräumen, musste der Schreiner sie nur wieder an den Haken hängen.

Der Schreiner hatte kein Gesetzbuch in seiner Werkstatt herumliegen. Doch ihm fielen die Notizpapiere ins Auge, auf denen er sich während der Arbeit Maße notierte und kleine Skizzen anfertigte. Sie lagen nicht in einem Regal im Lagerraum, aufgeräumt in einer Holzkiste, sondern lagen in einer Schublade unter der Werkbank. Um sich eine Notiz zu machen, musste der Schreiner nur die Schublade aufziehen. Um die Notizpapiere aufzuräumen, musste der Schreiner die Schublade nur wieder zuschieben.

Der Schreiner schaute sich jeden Winkel seiner Werkstatt genau an. Jeden Tag arbeitete er hier mit seinen Gehilfen, um Möbel, praktische Dinge und kleine Geschenke im Auftrag der Kunden herzustellen und so Geld für seine Familie zu verdienen. Unzählige Werkzeuge waren für jeden einzelnen Arbeitsschritt nötig, bis ein Werkstück schließlich fertig war. Doch jetzt am Abend, nachdem alle Arbeiten erledigt waren, sah es in der Werkstatt ordentlich und aufgeräumt aus. Jedes Werkzeug hatte seinen festen Platz, der sich dort befand, wo es auch gebraucht wurde. So war jedes Werkzeug schnell und einfach aufgeräumt, nachdem es benutzt wurde.

Erst jetzt ging der Schreiner zu seiner Frau ins Haus und erzählte ihr von dem Problem des Königs. Ein Tisch im Turmzimmer wäre keine Lösung, sondern würde das Problem nur verdecken. Deshalb machte sich der Schreiner am nächsten Tag ohne Werkzeuge, Bretter oder Balken auf den Weg zum Schloss.

~

Als er den Schreiner nochmals durch das Schloss führte, erkannte der König, dass es einen Unterschied macht, ob jemand Worte hört oder ein Gespräch versteht.


22. September 2013

Buch

»Die Suche«

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Buch

»Der Unterschied«

als Taschenbuch
für den Kindle
• oder im Buchhandel

ISBN 978-3-8442-4678-0

ISBN 978-3-8442-5958-2

Matthias Berger
Kleincomburger Weg 12
74523 Schwäbisch Hall
DEUTSCHLAND

Internet: www.mbsis.com
E-Mail: email@mbsis.com

Angefangen hatte alles mit einer kurzen Geschichte, die ich Verwandten und Bekannten statt der üblichen, schnell vergessenen Karten in das Weihnachtsgeschenk legen wollte.

Es sollte ein Wintermärchen werden, deshalb erschien mir «Es war einmal ein König» ein passender Anfang zu sein. Die Geschichte sollte für die Kinder meiner Freunde leicht zu verstehen und doch hintergründig zwischen den Zeilen sein. Also lies ich den König nach einem Geschenk suchen, das alle glücklich macht. Im Happy End sollte ein Hauch Traurigkeit stecken, denn wann läuft im Leben schon einmal alles perfekt? So steht der König zum Schluss alleine vor seinem Schloss, obwohl - oder gerade weil - er für jeden ein Geschenk gefunden hatte. Noch heute ist «Auf der Suche nach einem passenden Geschenk» eine meiner Geschichten, auf die ich stolz wie Oskar bin.

Auf diese erste Geschichte folgten weitere Kurzgeschichten, inzwischen sind es mehrere Dutzend geworden. Manche habe ich mit viel Zeit und Überlegungen als Geschenk für enge Freunde geschrieben, manche sind spontan als Gutenacht-Geschichte entstanden, einige der besten Geschichten schrieb ich aus purem Frust über das Verhalten der Menschen um mich herum - vielleicht erkennen Sie beim Lesen, welche Geschichten ich meine.

Ich maße es mir nicht an, den moralischen Zeigefinger zu erheben. Dafür habe ich selbst zu viele Ecken und Kanten, mit denen ich die Geduld meiner Mitmenschen oft genug strapaziere. Ich möchte nur zeigen, dass wir zwischen Karriere, Alltagssorgen und viel selbst verursachtem Stress manchmal die einfachsten Selbstverständlichkeiten im Leben übersehen oder schlichtweg vergessen.